Traditionen im Wandel

vom 15.12.2020

Wir als Bestatter beschäftigen uns täglich mit Traditionen und Riten. Es ist schon erstaunlich, wenn man überlegt, dass Bestattungen seit mindestens 90.000 Jahren durchgeführt werden. Mit dieser langen Zeitspanne geht auch eine Evolution der Bestattungskultur einher, welche uns stets fordert die Anforderungen rundum die Bestattungen weiterzuentwickeln und trotzdem weiterhin der Tradition gerecht zu werden. Es stellt sich nunmehr die Frage, ob Fortschritt und Tradition widersprüchlich zueinanderstehen? Auf diese Frage einfach mit ja oder nein zu antworten, würde dieser nicht gerecht werden, denn Sie führt zu einer Diskussion, die es Wert ist, Sie zu führen.

Wir sind der Meinung, dass es gut ist, dass sich der Akt der Bestattung von einem Ritual mit festen Abläufen löst und mehr der Aspekt der Individualisierung in den Vordergrund rückt, da es schließlich um ein individuelles Menschenleben geht – um eine Person von über sieben Milliarden – und was zeichnet uns mehr in dieser Welt aus als unsere individuellen Entscheidungen, unsere Familie, unsere Herkunft und auch unsere Schicksalsschläge im Laufe des Lebens. Es ist diese Kombination, die uns auf dieser Welt zu etwas Einzigartigem macht und was, unserer Ansicht nach, nach dem Tod nicht verloren gehen darf.

Legt man dann sein Augenmerk auf diese individuellen Aspekte ergeben sich ständig neue und spannende Möglichkeiten, um die Eigenschaften eines Menschen auch nach seinem Tod mit in den Prozess der Trauer und der Verabschiedung zu integrieren und um einen ganz kleinen Teil von dem, was diesen einen Menschen ausmachte, während der Trauerfeier aufleben zu lassen. War die Person zum Beispiel sehr mit dem Meer verbunden, kann die Trauerfeier komplett im maritimen Stil mit Netzen, Muscheln, Treibholz, Tauen und natürlich mit persönlichen Gegenständen wie Bildern und anderen kleinen Andenken gestaltet werden. Oder war derjenige sehr naturverbunden so kann alles mit natürlichen Materialien wie Rindenmulch und Holzstämmen dekoriert werden. Die Möglichkeiten sind hier nahezu unerschöpflich und wir versuchen stets die individuellen Wünsche im Rahmen der realisierbaren Möglichkeiten auf den Friedhöfen umzusetzen.

All dieses muss auch keinesfalls im Gegensatz zu alten Traditionen stehen, denn wo damals noch ein Hofmusiker die Trauerfeier mit traditionellen Klängen musikalisch untermalte, erklingt heute vielleicht die Titelmelodie von einem Hollywoodstreifen, den der Verstorbene gerne gesehen hat oder ein Rock Song seiner Lieblingsband, … . Dieser Wandel zeigt sich auch in den Trauerreden dadurch, dass einheitliche Reden der Vergangenheit angehören und sich die Trauerredner, Pastoren und Pfarrer in ihren Reden immer mehr Zeit für das Leben des Verstorbenen einräumen, um so einen kleinen Teil von diesem beleuchten zu können. Hierbei ist es für uns immer wieder erfreulich zu erfahren, dass bei all der Trauer auch immer wieder schöne und auch belustigende Momente aus dem Leben erzählt werden, welche für einen Moment die Last der Trauer überwinden und auch mal das ein oder andere Schmunzeln oder Lachen bei der Trauergemeinde auslösen können.

Gerade das schwindende Jahr 2020 stellt uns hier vor große Herausforderungen, indem es die Angehörigen in sehr schwierige Situationen brachte. Diese Situationen ergeben sich aufgrund der vielen und sich ständig ändernden Beschränkungen und Maßnahmen bezüglich der COVID-19, welche natürlich stark in den individuellen Prozess der Trauer eingreifen. Durch diese Maßnahmen sind wir gezwungen einen Kompromiss zwischen einer würdevollen und persönlichen Verabschiedung sowie der Risikominimierung zu finden. Ein kleiner Trost ist hier vor allem, dass die Trauerfeiern mittlerweile wieder innerhalb der Trauerhallen stattfinden dürfen, jedoch nur im kleinen Kreis. Ein weiteres Problem, welches sich aus der aktuellen Situation ergibt, ist, dass die Anreise zur Trauerfeier vor allem aus dem Ausland teilweise sehr erschwert oder gar nicht möglich ist. Die Tatsache sich nicht von einem geliebten Menschen persönlich verabschieden zu können und diesen auch nicht bei seinem letzten Gang zum Grab begleiten zu können, ist für die auswärtigen Angehörigen einer der schlimmstmöglichen Umstände – gerade auch im Hinblick auf die Bewältigung des persönlichen Prozesses der Trauer.

Wir wollten diesen Umstand nicht hinnehmen und haben nach einer Lösung gesucht, welche wir den Angehörigen in so einem Fall anbieten können, damit diese, wenn auch nur virtuell, an der Trauerfeier teilnehmen können. Wir haben uns daher, dass notwendige Knowhow und Equipment angeeignet, um eine Trauerfeier in einer für uns sehr zufriedenstellenden Qualität aufzeichnen und auch den Ton (Mikrofon des Predigers und eingespielte Musik) direkt abmischen zu können. Selbst eine Liveübertragung der Trauerfeier wäre aus technischer Sicht problemlos möglich, scheitert aber leider in der Praxis an dem LTE-Empfang auf den Friedhöfen. Um das Problem des schlechten LTE-Empfangs bei einer Liveübertragung zu umgehen, können wir aufgrund des Video- und Tonmaterials einen Film der Trauerfeier und wenn gewünscht auch einen mit der eigentlichen Beisetzung an der Grabstelle erstellen. Der Vorteil des Films gegenüber einer Liveübertragung ist, dass man im Bild- und Tonschnittprogramm die Möglichkeit hat, um zum Beispiel ein Bild des Verstorbenen oder die Traueranzeige vorweg einzublenden, einen kurzen Film der Dekoration der Trauerfeier mit einzuspielen oder auch eine Diashow mit den von uns erstellten Bildern von der Trauerfeier zu zeigen.


   

Auch wenn dies aus technischer Sicht aufwendig ist, haben wir uns entschieden dies trotzdem anzubieten, weil wir finden, dass wir Bestatter aktuell mehr denn je in der Pflicht sind für die Angehörigen einen persönlichen und würdevollen Abschied zu ermöglichen und es uns auch eine Herzensangelegenheit ist die Hinterbliebenen bestmöglich zu begleiten und zu unterstützen – auch grade in der aktuellen, schweren Zeit, welche von uns allen viel Geduld und Verständnis erfordert.

Im Namen des gesamten Teams wünsche ich Ihnen und ihren Lieben an dieser Stelle schon einmal eine angenehme Weihnachtszeit und alles erdenklich Gute für das neue Jahr.

gez. André Janßen